Zugriff versus Besitz

Ich will euch auf eine Zeitreise mitnehmen in die Welt meiner ersten Lebenshälfte. Ich nenne sie die Offline-Welt und sie währte bis zu meinem Schulabschluss, um dann für immer unterzugehen.

Es war eine Welt der Bilderarmut und der Informationsdürre, ja der audiovisuellen Mangelverwaltung, weshalb man genötigt war, ständig auf der Jagd zu sein, Vorräte anzulegen und diese wie einen Schatz zu hüten.

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Twitteretymologie : @kopfmurmel

Mit der @kopfmurmel nehme ich den Reigen meiner Twitternamen-Erklärungen wieder auf.

Murmel oder Marmel ist die im 9. Jahrhundert eingedeutschte Form von lateinisch marmor. Als Bezeichnung für die Steinsorte wurde das Wort im 16. Jahrhundert wieder in seine frühere lateinische Form gebracht, aber als Bezeichnung fürs Spielgerät blieb es in der angepassten Form erhalten.

Mit Murmeln vertrieben sich Kinder schon vor fünftausend Jahren die Zeit, wie ägyptische Grabbeigaben belegen, und auch Kaiser Augustus soll ein passionierter Murmelspieler gewesen sein.

Kopf, entlehnt aus spätlateinisch cuppa, bedeutet ursprünglich Becher und war wohl mit Hinblick auf die Hirnschale eine bildliche Umschreibung wie Rübe oder Birne, während die eigentliche Bezeichnung Haupt war. Die alte Bedeutung ist noch im Wort Pfeifenkopf erhalten.

Man kann diesen Beitrag teilen und flattrn. Die Verweise dafür sind in der mittleren Spalte.
Literaturangaben

Bzzzz

Vibrationszahnbürsten sind auch für Männer eine praktische Sache, denn sie massieren das Zahnfleisch und entfernen Beläge gründlicher.

Es gibt Wegwerfmodelle für fünf Euro, bei denen man weder die Batterie noch den Kopf austauschen kann, und es gibt zehnmal so teure Geräte mit Ladestation und Wechselköpfen.

Mein Favorit liegt in der Mitte: Dr. Barman’s Duopower kostet einen Zwanziger, wird mit einer austauschbaren AAA-Batterie betrieben, und der Kopf lässt sich ebenfalls erneuern.

Es ist die hässlichste Zahnbürste unter der Sonne, aber auch die praktischste.

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Twitteretymologie: @himmelkreis

Der Twittername @himmelkreis verbindet gleich zwei Symbole der Vollkommenheit miteinander und verdient damit einen Platz in meiner unvollkommenen Etymologie-Serie.

Das Wort Himmel lautete schon im Althochdeutschen himil, aber im Germanischen noch *himena-, wie man aus gotisch himins rekonstruieren kann. Das n scheint somit zu l dissimiliert worden zu sein, also dem vorangehenden m unähnlicher gemacht.

Eine andere Dissimilierung trat im Altenglischen auf, wo man ebenfalls nicht zwei Nasale behalten wollte und daher den ersten zu einem Frikativ (Reibelaut) werden ließ, woraus sich heofon ergab, welches im heutigen Englisch heaven ist.

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Ratäng!

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Ratäng! Ratäng! Ratäng! Mundwasser und Druckluft duchschießen meine Zahnzwischenräume, Blut spritzt hervor und ich sehe aus wie Patrick Bateman.

Aber nur die ersten Tage, dann sind all die kleinen Entzündungen in den Zahnfleischtaschen verschwunden, die durch Verunreinigungen und Zahnbelag gefördert wurden. Zahnfleischbluten gehört fortan auch beim Zähneputzen der Vergangenheit an.

Philips Airfloss ist keine Munddusche, sondern wird als Alternative zur Zahnseide vermarktet.

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Uneuphorische Wahlempfehlung
Ich empfehle euch, Piraten zu wählen. Nicht, weil die alles richtig machen, sondern weil die anderen dann weniger falsch machen, wenn sie wegen schlechter Netzpolitik Stimmenverluste befürchten müssen.
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Die Führungsriegen von SPD und Union sind zu altbacken, um von sich aus zu erkennen, dass im Internet die Zukunft unserer gesamten Fernkommunikation, Mediennutzung und politischen Öffentlichkeit liegt. Deshalb verschenken sie dort unsere mühsam erkämpften Rechte und Freiheiten so leichtfertig an die Wirtschaft, fremde Staaten oder heimische Sicherheitsparanoiker, ohne zu merken, dass sie diese Errungenschaften dadurch der nächsten Generation ganz vorenthalten.
Die Piraten werden nicht regieren, aber das müssen sie auch nicht. Sie sollen Netzthemen so in den politischen Diskurs tragen, wie es die Grünen mit Umweltschutz und Gleichberechtigung taten.
Diese Anliegen sind nicht durch eine grüne Regierung überparteilicher Konsens geworden, sondern durch die Angst vor Wählerabwanderungen ins alternative Milieu.
Greenpeace konnte zwar für schlechte Presse sorgen, aber erst eine grüne Partei konnte Stimmen kosten und die etablierten dort treffen, wo es weh tut.
Heute traut sich keine Partei mehr, berufstätige Frauen für die Arbeitslosigkeit verantwortlich zu machen oder Umwelt als Orchideenthema abzutun. Genauso unmöglich muss es werden, das Internet zum Sündenbock und Hort des Bösen zu stilisieren, denn die Stimmengewinne im Altersheim würden durch Verluste an die Piraten erkauft.
In einigen Jahren wird auch dem Letzten klar werden, welch zentrale Bedeutung das Internet für unser Leben hat, aber dann kann es zu spät sein, weil zu viele Weichen falsch gestellt wurden. Hier und heute müssen wir beginnen, gegenzusteuern, denn das sind wir den Künftigen schuldig.
Das Sandkastengezänk einzelner Piraten ignoriere ich, denn es geht nicht ums jetzige Personal, sondern um die grundsätzliche Richtungsentscheidung, die uns ein freies Internet in einer freien Gesellschaft erhält.

Uneuphorische Wahlempfehlung

Ich empfehle euch, Piraten zu wählen. Nicht, weil die alles richtig machen, sondern weil die anderen dann weniger falsch machen, wenn sie wegen schlechter Netzpolitik Stimmenverluste befürchten müssen.

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Warum habt ihr Gardinen?

Hörenswerter Rant von @LinaMadita gegen Überwachung und Generalverdacht (30 Min.), basierend auf meinem Tweet:

„Warum habt ihr Gardinen?“ - „Damit nicht jeder reingucken kann.“ — Wie man Datenschutzgespräche mit seinen Eltern beginnt.

Massenüberwachung ist falsch positiv

Erfühlt eine Frau einen Knoten in der Brust, ist die Mammografie eine gute Methode, um Brustkrebs zu erkennen. Man könnte dies eine verdachtsabhängige Untersuchung nennen.

Verdachtsunabhängig wäre eine Mammografie-Reihenuntersuchung bei allen Frauen über 50. Nur 1 Prozent dieser Frauen hat tatsächlich Krebs, aber die Untersuchungsmethode ist nicht unfehlbar, sondern führt zu 9 Prozent falsch positiven Befunden.

Von tausend getesteten Frauen haben also 990 keinen Brustkrebs, aber von Letzteren bekommen 89 fälschlich bestätigt, dass sie doch welchen haben. Das sind erheblich mehr als die wirklich Betroffenen. Todesängste und unnötige Brustamputationen können die Folge sein.

Ähnlich ist es mit HIV-Tests. Würde man diese für alle verpflichtend machen, hätte man als Ergebnis eine kleine Zahl richtig erkannter Infizierter und eine mehrmals so große Gruppe Gesunder, denen fälschlich eine Infektion diagnostiziert wurde.

Verdachtsunabhängige Massenuntersuchungen stürzen also viel mehr Menschen ins Unglück als sie retten.

Auf Massenüberwachung muss dies ebenfalls zutreffen. Kriminalistik ist nicht unfehlbar, schon bei normalen verdachtsabhängigen Ermittlungen geraten immer mal Unschuldige ins Visier der Polizei, wenn nicht sogar ins Gefängnis.

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You should care about privacy because privacy isn’t secrecy. I know what you do in the toilet, but that doesn’t mean you don’t want to close the door when you go in the stall.
Cory Doctorow erklärt, warum wir unsere Privatsphäre verteidigen sollten und inwiefern dies nicht mit Geheimniskrämerei gleichzusetzen ist, also auch das Argument nicht zählt, man habe ja nichts zu verbergen.
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The Origin of Tweet

Wie das Wort „Tweet“ für eine Twittermeldung entstanden ist.

Twitteretymologie: @Graupause

Dass eine Pause nicht blau oder lila sein muss, beweist der Twitterer @Graupause, dessen Name nun etymologisch erklärt wird.

Eine Pause machen wir im Deutschen seit dem 13. Jahrhundert, denn da ist mittelhochdeutsch pūse erstmals bezeugt. Entlehnt wurde es aus dem altfranzösischen Substantiv pose zum Verb poser, welches „ruhen, innehalten“ bedeutet und auf lateinisch pausare zurückgeht, das wiederum von altgriechisch paúein kommt.

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Öffentlicher Raum im Internet

Kostenpflichtige Internetplattformen (App.net) sind wie Freizeitparks. Nur, wer es sich leisten kann, darf mitspielen.

Werbefinanzierte Plattformen (Twitter, Facebook) sind wie Einkaufspassagen. Man darf umsonst hinein, hat aber keine Rechte gegenüber dem Hausherrn, sondern ist im Grunde nur als potentieller Konsument geduldet.

Offene dezentrale Plattformen (E-Mail, WWW) sind wie die Innenstadt, ein öffentlicher Spielplatz oder ein Stadtpark. Man darf sich dort aufhalten, ganz einfach weil man Bürger ist.

Es wäre deshalb Aufgabe des Gemeinwesens, öffentliche soziale Plattformen im Internet zu schaffen, die jedermann offenstehen und keine kommerziellen Zwecke verfolgen, sondern der Bevölkerung zur Begegnung und zum Austausch dienen.

Ein 70 Jahre alter Tacker, der keine Klammern benötigt, sondern Papierbögen mit hineingestanzten Kammmustern zusammenheftet.
Stabil wie ein Amboss gebaut, hält er ein Leben lang und bedarf keines Verbrauchsmaterials.
Welch ein unkapitalistisches Produkt, das notwendigerweise den Hersteller ruiniert, während klammerfressende Wegwerfprodukte der Konkurrenz stete Einnahmen generieren.

Ein 70 Jahre alter Tacker, der keine Klammern benötigt, sondern Papierbögen mit hineingestanzten Kammmustern zusammenheftet.

Stabil wie ein Amboss gebaut, hält er ein Leben lang und bedarf keines Verbrauchsmaterials.

Welch ein unkapitalistisches Produkt, das notwendigerweise den Hersteller ruiniert, während klammerfressende Wegwerfprodukte der Konkurrenz stete Einnahmen generieren.

Utopien

Jeder Mensch trägt seine Utopie einer perfekten Welt in sich.

Die Probleme beginnen, wenn man die Macht erhält, diese Utopie zu realisieren. Dann wird man feststellen, dass einige Menschen dieser Verwirklichung im Wege stehen, weil sie andere Pläne haben. Also nimmt man diese Leute in Gewahrsam, bis sie ihren Irrtum erkannt haben. Als nächstes zeigt sich, dass die Realität nicht in allen Punkten mit der Utopie kompatibel ist. Also passt man die Realität der Utopie an, indem man Berichte über Fehlschläge zensiert.

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Gott

Meiner Ansicht nach ist Gott eine Funktion des Gehirns. So wie es dort ein Sprachzentrum gibt, das jedem Menschen die Fähigkeit zum Spracherwerb verleiht und zur kulturellen Erfindung unterschiedlicher Sprachen geführt hat, gibt es wohl auch eine Art Trostzentrum im Gehirn, welches dem erwachsenen Menschen die Geborgenheit der Kindheit bewahrt, indem es eine virtuelle Vaterfigur suggeriert, die wir Gott nennen.

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