Der Meteorit und das Leistungsschutzrecht

Die deutschen Presseverleger haben bei der Regierung ein Leistungsschutzrecht bestellt, nach welchem sie dafür entlohnt würden, dass Google News und Blogger auf die Nachrichten dieser Zeitungshomepages zitierend hinweisen.

Ein Leistungsschutzrecht kennt man aus dem Musikbereich: Während Komponist und Texter Urheberrechte besitzen, können Musiker und Sänger, bzw. deren Musikverleger, ein Leistungsschutzrecht geltend machen. Die Interpretation und Aufnahme eines Musikstückes ist eine eigenständige künstlerische Leistung und macht den Musikgenuss fürs Publikum überhaupt erst möglich, im Gegensatz zum stillen Notenlesen. Ein Pressetext bleibt aber ein Text und wird durch die Veröffentlichung seitens eines Verlages nicht grundlegend transformiert. Es genügt daher das Urheberrecht.

Der Unterschied wird deutlich, wenn man Fälle betrachtet, in denen kein Urheberrecht anwendbar ist: Singt Heino ein gemeinfreies Volkslied, so kann er dafür Leistungsschutz geltend machen, aber wenn die FAZ den Liedtext abdruckt, ist das keine Leistung, die schützenswert wäre.

Aber ein Presse-Leistungsschutzrecht ist nicht nur unsinnig, sondern auch für diejenigen nachteilig, die es fordern. Denn verhindert werden soll ja nicht die ohnehin seltene Übernahme ganzer Zeitungsartikel, bei der wieder das Urheberrecht griffe, sondern schon das Zitieren kürzester Ausschnitte. Gerade dies geschieht aber vorwiegend mit einem Link auf die Ursprungsquelle, soll also auf den eigentlichen Text nur hinweisen, ohne bereits den Zweck des Textes zu erfüllen. Niemand liest immer nur die Anrisstexte auf Google-News oder die Überschriftzitate auf Twitter, ohne jemals den beistehenden Link zu klicken. Diese Ausschnitte ersetzen ja nicht die Lektüre des Artikels, sondern erleichtern lediglich die Auswahl, welchen Artikel welcher Zeitung man zu einem bestimmten Thema lesen möchte.

Zeitungen konkurrieren heute artikelweise miteinander, und zwar jede Minute aufs Neue, nicht mehr ausgabenweise einmal am Tag. Die Kioske von einst heißen heute Google News, Facebook und Twitter.

Früher haben die Zeitungen nicht gefordert, dass ihre Blätter eingeschweißt unterm Ladentisch zu handeln seien, um Raublesern vorzubeugen; heute sollten sie daher nicht Ähnliches für ihre Online-Ausgaben fordern.

Die Zeitungsverlage können froh sein, dass ihnen kostenlos Homepagebesucher zugeführt werden, aber Geld dafür zu wollen, ist absurd, sonst müsste auch der Zeitungsjunge fürs Austragen bezahlen.

Wollten die Zeitungen nicht von Suchmaschinen indiziert oder zitiert werden, so könnten sie das mit einer Datei namens robots.txt oder einem Hinweis im Quelltext verhindern, stattdessen rekrutieren sie SEO-Spezialisten, um Texte so zu formulieren, dass die Zeitung möglichst prominent in Suchergebnissen auftaucht.

Es geht also gar nicht darum, dass Google & Co. daran gehindert werden sollen, auf die Zeitungswebsites aufmerksam zu machen und Besucherströme dorthin zu leiten, sondern dass man einen zusätzlichen Wegezoll erheben will.

Wie wird Google darauf reagieren?

In Belgien sah die Konsequenz so aus, einfach alle Zeitungen aus dem Suchindex zu werfen. Das wäre der Super-GAU für die Zeitungen, denn online würden sie praktisch nicht mehr existieren, vergleichbar einem Taxi-Unternehmen mit Geheimnummer. Ich fürchte, das haben viele der Verlagsoberen und politischen Erfüllungsgehilfen noch nicht verstanden. Der Normalbürger bekommt nun mal keine Pressemappe auf den Schreibtisch gelegt, sondern informiert sich per Suchmaschinen, Portalseiten und Social Media über das aktuelle Geschehen und lesenswerte Artikel. Eine Zeitung haben immer weniger abonniert und es entspricht auch nicht mehr dem heutigen Informationsbedürfnis, sich nur aus einer Quelle zu informieren. Oft genug interessiert mich nicht, was eine Zeitung zu allen Themen schreibt, sondern was alle Zeitungen zu einem Thema schreiben; deshalb sind auch Online-Bezahlmodelle unattraktiv, bei denen man fürs Lesen der gesamten Zeitung zu bezahlen hat statt für ausgewählte Artikel. Natürlich wären die Zeitungshomepages immer noch per Direkteingabe der URL erreichbar, aber die meisten Internetnutzer wissen gar nicht, was das ist, sondern nutzen praktisch immer die Suchfunktion, weshalb die Worte „wikipedia“ und „youtube“ in den Top Ten der Suchbegriffe sind. Die Folgen eines Google-Rauswurfs wären also verheerend, es würde keine Woche dauern, bis die Verleger auf Knien darum bäten, wieder gelistet zu werden.

Ein anderes Szenario scheint mir aber ebenso wahrscheinlich: Google und Microsoft zahlen mit Freude Lizenzgebühren an die Verleger, weil dies etwas ist, das sich kleinere Konkurrenten nicht leisten könnten. Man schafft damit eine Barrier to entry, eine Zugangsbarriere, die den Suchmaschinenmarkt auf alle Zeit diesen Großkonzernen übereignet und es finanzschwachen Newcomern unmöglich macht, diesen Markt zu betreten.

Was Großkonzerne außer Geld ebenfalls haben, ist eine gute Rechtsabteilung. Vor Abmahnungen fürchten muss sich wie eh und je nur der kleine Gewerbetreibende, der Einzelkämpfer, der Freiberufler und Kleinunternehmer, der Start-Up-Gründer und Nebenberufler oder der Blogger mit symbolischen Flattr-Pfennigen im Hut. Wie viele Pflänzchen hier vom deutschen Abmahnunwesen zertreten werden, die in anderen Ländern zu Internetfirmen herangereift wären!

Um mit dem Internet reich zu werden, braucht man in Amerika ein abgebrochenes Informatikstudium, hierzulande ein abgeschlossenes Jurastudium: Der Abmahnanwalt ist das deutsche Erfolgsmodell des Internetunternehmers.

Aber die Möglichkeit, Millionen Websitebetreiber, Facebooker und Twitterer abzumahnen, weil sie einen Zeitungsartikel weiterempfohlen oder einen Retweet-Knopf gedrückt haben, erinnert weniger an einen Goldesel denn an König Midas und kann sich als vergiftetes Geschenk für die Verleger erweisen.

Denn auf Dauer ist es auch für sie selbst gefährlich, wenn deutsche Contentprovider ihr Heil vornehmlich in Abmahnungen suchen statt im Qualitätswettbewerb.

Ein gutes Beispiel sind die Routenplaner, die einst von mehreren deutschen Kartenverlagen ins Netz gestellt wurden, nur um daraufhin sämtliche Kleinunternehmer und Vereine abzumahnen, die ein Kartenbild als Anfahrtsbeschreibung auf ihre Homepage setzten. Und dann kam Google Maps und das armselige Geschäftsmodell war dahin.

Niemand hat die deutschen Anbieter daran gehindert, selbst einen frei einzubindenden Kartendienst auf die Beine zu stellen, der zum deutschen Marktführer geworden wäre und innerhalb dessen sie Karteneinträge für Restaurants und Läden, ähnlich wie in den Gelben Seiten, verkauft hätten.

Stattdessen sind sie durch das deutsche Abmahnrecht dazu verführt worden, das schnelle Geld mitzunehmen, aber das große Geld anderen zu überlassen. Dass wir heute einen amerikanischen Kartendienst nutzen, um die nächstgelegene Apotheke in Buxtehude zu finden, ist eine Auswirkung dessen, dass deutsche Contentprovider lieber die Gesetzeskeule schwingen als innovativ und mutig zu sein.

Beim Leistungsschutzrecht befürchte ich Ähnliches: Wenn die Rechtslage heikel, teuer und kompliziert wird, werden Blogautoren eben nicht mehr auf deutsche Zeitungen verlinken, sondern auf ausländische. Das werden für Deutschlandthemen schweizerische und österreichische sein und für Weltthemen vermehrt englischsprachige. Die inländischen Medien verlieren dadurch ihre Deutungshoheit nur noch schneller, und die ausländischen freuen sich über zusätzliche Werbeeinnahmen.

Die meistzitierten deutschen Zeitungen tragen dann nach Einführung des Leistungsschutzrechts Namen wie NZZ, Die Presse, Der Standard und Kurier.

Vielleicht ist das Leistungsschutzrecht aber auch die Initialzündung, um eine neue Form des Journalismus zu gebären. Mit dem Leistungsschutzrecht vergiften die Zeitungsverlage ihre Meldungen radioaktiv. Niemand in Social Media und Blogosphäre wird sie mehr anfassen wollen. Das führt zur Notwendigkeit, unkontaminierten Ersatz zu schaffen und erzeugt eine nichtkommerzielle Gegenpresse. Es wird nicht nur auf ausländische Publikationen ausgewichen werden, sondern auch freier News-Content von Nutzern für Nutzer entstehen. Das Leistungsschutzrecht wird langfristig die Verzichtbarkeit der Konzernpresse illustrieren und einen Netzbürger-Journalismus als ihren Nachfolger nähren.

Das Leistungsschutzrecht ist so, als hätten die Dinosaurier einen Meteoriten auf die Erde gelenkt, um diese lästigen Säuger auszurotten.

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  1. von simplesachen gepostet