Die Nivellierung der Welten

Meine Großeltern waren 1936 gerade frisch verheiratet, als sie nach Oldenburg fuhren, um Besorgungen zu tätigen. An einem Schaufenster hielt mein Opa plötzlich inne und blickte mit großen, glänzenden Augen in die Auslagen. Zum ersten Mal in seinem Leben sah er Spielsachen.

Sein Elternhaus stand nur zwanzig Kilometer entfernt, aber all die Jahre hatte er sein dörfliches Umfeld kaum verlassen. 27 musste er werden, um zu erfahren, dass man nicht nur mit Stöcken und Steinen spielen kann, sondern auch mit Bauklötzen und Blechautos. Sieben Jahre später starb er an der Ostfront für ein Vaterland, von dem er nur ein norddeutsches Dorf kannte.

Wenn meine Oma mit ihren 97 Jahren von früher erzählt, vermeint man, Schilderungen aus einem fernen Entwicklungsland zu hören. Süßigkeiten gab es nicht, Kino, Badesachen, Arztbesuche – alles unbekannt. Das erste Mal im Schulunterricht eine Ananas probieren zu dürfen, war ein solches Erlebnis, dass es neunzig Jahre später noch mit Begeisterung erzählt wird. Hausnummern gab es damals auch nicht, und Verbrechen ebenso wenig.

Aber halt! Natürlich gab es all diese Dinge, nur bekam man auf dem Lande wenig davon mit. Das Leben drehte sich um die Belange der unmittelbaren Umgebung. Man abonnierte zwar eine Lokalzeitung, denn damals gab es auch noch kein Klopapier, aber die war arm an Boulevardthemen und Luxuswerbung.

Heute ist auch dem Ärmsten klar, welche Konsumchancen er verpasst. Das Fernsehen hämmert ihm unablässig ein, was er sich kaufen könnte, wenn er könnte.

Und bis ins kleinste Dorfidyll werden die Delikte sämtlicher Großstädte posaunt, sodass die Angst vor Verbrechen in gleichem Maße steigt wie die tatsächliche Kriminalitätsrate sinkt.

Früher lebte der Dörfler in seiner eigenen kleinen Welt, in die nur wenig von außerhalb des Dorfes hineindrang. Die Welt des Städters mag etwas weiter gewesen sein, überschnitt sich aber nur wenig mit jener des Dorfbewohners. Der Erfahrungs- und Erwartungshorizont war völlig unterschiedlich.

Erst das Fernsehzeitalter schuf verbindliche gemeinsame Erlebniswelten. Eine Popkultur dessen, was jeder gesehen und gehört haben wird, jeder kennen kann und muss. In gleichem Maße formten Werbespots, Versandkataloge und Kaufhausketten einen Warenkanon von überregionaler Gültigkeit, nivellierten die Erwartung, welche Produkte und Marken man zu haben hat.

Mit dem Internet vollzieht sich dasselbe im globalen Maßstab. Jeder Afrikaner kann sich ein genaues Bild davon machen, wie der Europäer lebt und was er konsumiert.

Wo immer Informationsbarrieren solcher Art fallen, wird es schwierig, die Ungleichheit der Lebensverhältnisse dauerhaft aufrechtzuerhalten.

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