Öffentlicher Raum im Internet

Kostenpflichtige Internetplattformen (App.net) sind wie Freizeitparks. Nur, wer es sich leisten kann, darf mitspielen.

Werbefinanzierte Plattformen (Twitter, Facebook) sind wie Einkaufspassagen. Man darf umsonst hinein, hat aber keine Rechte gegenüber dem Hausherrn, sondern ist im Grunde nur als potentieller Konsument geduldet.

Offene dezentrale Plattformen (E-Mail, WWW) sind wie die Innenstadt, ein öffentlicher Spielplatz oder ein Stadtpark. Man darf sich dort aufhalten, ganz einfach weil man Bürger ist.

Es wäre deshalb Aufgabe des Gemeinwesens, öffentliche soziale Plattformen im Internet zu schaffen, die jedermann offenstehen und keine kommerziellen Zwecke verfolgen, sondern der Bevölkerung zur Begegnung und zum Austausch dienen.

Utopien

Jeder Mensch trägt seine Utopie einer perfekten Welt in sich.

Die Probleme beginnen, wenn man die Macht erhält, diese Utopie zu realisieren. Dann wird man feststellen, dass einige Menschen dieser Verwirklichung im Wege stehen, weil sie andere Pläne haben. Also nimmt man diese Leute in Gewahrsam, bis sie ihren Irrtum erkannt haben. Als nächstes zeigt sich, dass die Realität nicht in allen Punkten mit der Utopie kompatibel ist. Also passt man die Realität der Utopie an, indem man Berichte über Fehlschläge zensiert.

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Gott

Meiner Ansicht nach ist Gott eine Funktion des Gehirns. So wie es dort ein Sprachzentrum gibt, das jedem Menschen die Fähigkeit zum Spracherwerb verleiht und zur kulturellen Erfindung unterschiedlicher Sprachen geführt hat, gibt es wohl auch eine Art Trostzentrum im Gehirn, welches dem erwachsenen Menschen die Geborgenheit der Kindheit bewahrt, indem es eine virtuelle Vaterfigur suggeriert, die wir Gott nennen.

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Weggenommene Arbeitsplätze?

Vor 60 Jahren arbeiteten auf einem Müllwagen sechs Deutsche, vor 40 Jahren vier Deutsche und zwei Gastarbeiter, heute ein Deutscher und ein Greifarm. Wer hat wem die Arbeitsplätze weggenommen? Die Migranten den Deutschen? Oder der Roboterarm den Menschen?

Der wahre Arbeitsplatzvernichter ist die Automatisierung, doch damit dies nicht auffällt, wiegelt man die gemeinsamen Opfer gegeneinander auf.

Dabei ist die Automatisierung an sich nichts Schlechtes:

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Verdummen wir?

Nein, der Eindruck täuscht. Nie zuvor war formale Bildung so weit verbreitet wie heute. Für meine Oma war es noch normal, mit 14 aus der Schule zu kommen, weiterführende Lehranstalten waren nur etwas für die Oberschicht. In meiner Familie war ich der erste Gymnasiast. Heute wechselt jeder zweite Schüler aufs Gymnasium.

Nie zuvor war auch das Wissen der Welt so zugänglich wie heute.

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Die echten Menschen und die im Internet

Das Nuf über Einsamkeit im Alter und Geselligkeit im Internet. Ich stimme ihr zu, denn das Internet ist kein Gegensatz zur dinglichen Welt, sondern ein zusätzlicher Interaktionsraum, der Menschen zusammenbringt und das Knüpfen und Aufrechterhalten von Kontakten erleichtert.

Diebstahl

Es gibt einen Spediteur, der billiger ist als die Konkurrenz. Er kann seine Mitbewerber deshalb unterbieten, weil er seine Lieferwagen nicht kauft, sondern stiehlt. Jeden Morgen müssen seine Angestellten fremde LKW und Transporter kurzschließen und sich mit den entwendeten Fahrzeugen auf Tour begeben. Die Polizei ermittelt bereits, da Produktionsmittel gestohlen werden.

Korrektur: Ich bin da einer Falschmeldung aufgesessen. In Wahrheit stiehlt die Firma keine Lieferwagen, sondern die Arbeitskraft ihrer Angestellten, indem sie Dumpinglöhne weit unter denen der Konkurrenz zahlt. Die Polizei ermittelt nicht, da nur Arbeitskraft gestohlen wird.

Steuern oder Schulden

Der Staat sind wir. Die Staatsausgaben sind unsere Gemeinschaftsausgaben. Es gibt zwei Wege, wie wir als Staat uns refinanzieren können:

  1. Wir leihen uns Geld von Bürgern und Unternehmen, wofür wir ihnen Zinsen zahlen.

  2. Wir nehmen unseren Bürgern und Unternehmen Geld weg, das nennt sich Steuern.

Durch den ersten Weg werden die Reichen reicher, weil sie von den Zinsen profitieren, während die Armen nichts zu verleihen haben, aber letztlich ebenso für die Staatsschulden aufkommen müssen.

Der zweite Weg kann gerecht gestaltet werden, indem man die Reichen sehr viel höher besteuert als die Armen, also die Progression verstärkt.

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Die Nivellierung der Welten

Meine Großeltern waren 1936 gerade frisch verheiratet, als sie nach Oldenburg fuhren, um Besorgungen zu tätigen. An einem Schaufenster hielt mein Opa plötzlich inne und blickte mit großen, glänzenden Augen in die Auslagen. Zum ersten Mal in seinem Leben sah er Spielsachen.

Sein Elternhaus stand nur zwanzig Kilometer entfernt, aber all die Jahre hatte er sein dörfliches Umfeld kaum verlassen. 27 musste er werden, um zu erfahren, dass man nicht nur mit Stöcken und Steinen spielen kann, sondern auch mit Bauklötzen und Blechautos. Sieben Jahre später starb er an der Ostfront für ein Vaterland, von dem er nur ein norddeutsches Dorf kannte.

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Blumenmeer

Blumenmeer

Ernst Schubert. Ein später Nachruf

Professor Ernst Schubert ist tot. Seit sechs Jahren schon, aber ich erfuhr es gerade erst von einem Buchdeckel in einem Antiquariat.

Seine Mittelaltervorlesungen waren immer gut besucht, selbst an Freitagen, denn niemand konnte so angenehm erzählen wie er, mit seiner tiefen sonoren Stimme und humorvollen Art. Er verstand es, den Alltag des Mittelalters lebhaft vor Augen zu führen, statt nur Zahlen und Quellen herunterzubeten.

Ich kann mich an nur eine Vorlesung erinnern, in der nicht gelacht wurde. Das war, als er vom Tod seines Kollegen Hartmut Boockmann erfahren hatte, uns bat, zu einer Gedenkminute aufzustehen, und am Rednerpult weinte.

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Besehenheit statt Belesenheit

Die Belesenheit der Gelehrten des 19. Jahrhunderts wird kaum noch erreicht, ist aber einer Besehenheit gewichen. Jeder 14-jährige hat heute dank Massenmedien mehr von der Welt gesehen als die Humboldt-Brüder in ihrem gesamten Leben.

Die Welt ist schön, Beweisstück A

Die Welt ist schön, Beweisstück A

Über die Anfänge des Paartanzes

Gegen Ende des 14. Jahrhunderts kommt in den Städten der Paartanz in Mode, bei dem Herr und Dame paarweise tanzen und einander mit den Armen umfassen, statt sich nur die Hände zu reichen. Schon früher war diese Art des Tanzens in den Dörfern gebräuchlich gewesen, aber von der Obrigkeit immer wieder, mit mäßigem Erfolg, verboten worden.

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Prüfmenschen

Wir alle kennen wohl diese Menschen, in deren Gegenwart man sich wie beim mündlichen Examen fühlt, weil sie kein vernünftiges Gespräch zustande bekommen, ohne unablässig Wissensfragen einzubauen.

„Ich lese ja gerne Kafka.“ - „Ich auch.“ - „Ach ja, wie heißt der denn mit Vornamen?“ - „Franz, wieso?“ - „Richtig!“

Schon an diesem frühen Punkt der Bekanntschaft muss man energisch gegensteuern mit den höflichen Worten: „Sag mal, hast du eine Klatsche oder bist du Quizmaster? Du hast mir doch keine Testfragen zu stellen, erzähl einfach!“

Versäumt man nämlich die Gelegenheit, schwingt sich der Prüfmensch endgültig zum Richter über den Bildungsgrad seines Gegenübers auf und spricht nur noch in Lückentexten und eingeschobenen Fragen, auf die sein Gesprächspartner willfährig zu reagieren hat, weil der sonst die schuldig gebliebenen Antworten in herablassend belehrendem Tonfall zu hören bekommt.

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