Zugriff versus Besitz

Ich will euch auf eine Zeitreise mitnehmen in die Welt meiner ersten Lebenshälfte. Ich nenne sie die Offline-Welt und sie währte bis zu meinem Schulabschluss, um dann für immer unterzugehen.

Es war eine Welt der Bilderarmut und der Informationsdürre, ja der audiovisuellen Mangelverwaltung, weshalb man genötigt war, ständig auf der Jagd zu sein, Vorräte anzulegen und diese wie einen Schatz zu hüten.

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Uneuphorische Wahlempfehlung
Ich empfehle euch, Piraten zu wählen. Nicht, weil die alles richtig machen, sondern weil die anderen dann weniger falsch machen, wenn sie wegen schlechter Netzpolitik Stimmenverluste befürchten müssen.
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Die Führungsriegen von SPD und Union sind zu altbacken, um von sich aus zu erkennen, dass im Internet die Zukunft unserer gesamten Fernkommunikation, Mediennutzung und politischen Öffentlichkeit liegt. Deshalb verschenken sie dort unsere mühsam erkämpften Rechte und Freiheiten so leichtfertig an die Wirtschaft, fremde Staaten oder heimische Sicherheitsparanoiker, ohne zu merken, dass sie diese Errungenschaften dadurch der nächsten Generation ganz vorenthalten.
Die Piraten werden nicht regieren, aber das müssen sie auch nicht. Sie sollen Netzthemen so in den politischen Diskurs tragen, wie es die Grünen mit Umweltschutz und Gleichberechtigung taten.
Diese Anliegen sind nicht durch eine grüne Regierung überparteilicher Konsens geworden, sondern durch die Angst vor Wählerabwanderungen ins alternative Milieu.
Greenpeace konnte zwar für schlechte Presse sorgen, aber erst eine grüne Partei konnte Stimmen kosten und die etablierten dort treffen, wo es weh tut.
Heute traut sich keine Partei mehr, berufstätige Frauen für die Arbeitslosigkeit verantwortlich zu machen oder Umwelt als Orchideenthema abzutun. Genauso unmöglich muss es werden, das Internet zum Sündenbock und Hort des Bösen zu stilisieren, denn die Stimmengewinne im Altersheim würden durch Verluste an die Piraten erkauft.
In einigen Jahren wird auch dem Letzten klar werden, welch zentrale Bedeutung das Internet für unser Leben hat, aber dann kann es zu spät sein, weil zu viele Weichen falsch gestellt wurden. Hier und heute müssen wir beginnen, gegenzusteuern, denn das sind wir den Künftigen schuldig.
Das Sandkastengezänk einzelner Piraten ignoriere ich, denn es geht nicht ums jetzige Personal, sondern um die grundsätzliche Richtungsentscheidung, die uns ein freies Internet in einer freien Gesellschaft erhält.

Uneuphorische Wahlempfehlung

Ich empfehle euch, Piraten zu wählen. Nicht, weil die alles richtig machen, sondern weil die anderen dann weniger falsch machen, wenn sie wegen schlechter Netzpolitik Stimmenverluste befürchten müssen.

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Massenüberwachung ist falsch positiv

Erfühlt eine Frau einen Knoten in der Brust, ist die Mammografie eine gute Methode, um Brustkrebs zu erkennen. Man könnte dies eine verdachtsabhängige Untersuchung nennen.

Verdachtsunabhängig wäre eine Mammografie-Reihenuntersuchung bei allen Frauen über 50. Nur 1 Prozent dieser Frauen hat tatsächlich Krebs, aber die Untersuchungsmethode ist nicht unfehlbar, sondern führt zu 9 Prozent falsch positiven Befunden.

Von tausend getesteten Frauen haben also 990 keinen Brustkrebs, aber von Letzteren bekommen 89 fälschlich bestätigt, dass sie doch welchen haben. Das sind erheblich mehr als die wirklich Betroffenen. Todesängste und unnötige Brustamputationen können die Folge sein.

Ähnlich ist es mit HIV-Tests. Würde man diese für alle verpflichtend machen, hätte man als Ergebnis eine kleine Zahl richtig erkannter Infizierter und eine mehrmals so große Gruppe Gesunder, denen fälschlich eine Infektion diagnostiziert wurde.

Verdachtsunabhängige Massenuntersuchungen stürzen also viel mehr Menschen ins Unglück als sie retten.

Auf Massenüberwachung muss dies ebenfalls zutreffen. Kriminalistik ist nicht unfehlbar, schon bei normalen verdachtsabhängigen Ermittlungen geraten immer mal Unschuldige ins Visier der Polizei, wenn nicht sogar ins Gefängnis.

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You should care about privacy because privacy isn’t secrecy. I know what you do in the toilet, but that doesn’t mean you don’t want to close the door when you go in the stall.
Cory Doctorow erklärt, warum wir unsere Privatsphäre verteidigen sollten und inwiefern dies nicht mit Geheimniskrämerei gleichzusetzen ist, also auch das Argument nicht zählt, man habe ja nichts zu verbergen.

Öffentlicher Raum im Internet

Kostenpflichtige Internetplattformen (App.net) sind wie Freizeitparks. Nur, wer es sich leisten kann, darf mitspielen.

Werbefinanzierte Plattformen (Twitter, Facebook) sind wie Einkaufspassagen. Man darf umsonst hinein, hat aber keine Rechte gegenüber dem Hausherrn, sondern ist im Grunde nur als potentieller Konsument geduldet.

Offene dezentrale Plattformen (E-Mail, WWW) sind wie die Innenstadt, ein öffentlicher Spielplatz oder ein Stadtpark. Man darf sich dort aufhalten, ganz einfach weil man Bürger ist.

Es wäre deshalb Aufgabe des Gemeinwesens, öffentliche soziale Plattformen im Internet zu schaffen, die jedermann offenstehen und keine kommerziellen Zwecke verfolgen, sondern der Bevölkerung zur Begegnung und zum Austausch dienen.

Utopien

Jeder Mensch trägt seine Utopie einer perfekten Welt in sich.

Die Probleme beginnen, wenn man die Macht erhält, diese Utopie zu realisieren. Dann wird man feststellen, dass einige Menschen dieser Verwirklichung im Wege stehen, weil sie andere Pläne haben. Also nimmt man diese Leute in Gewahrsam, bis sie ihren Irrtum erkannt haben. Als nächstes zeigt sich, dass die Realität nicht in allen Punkten mit der Utopie kompatibel ist. Also passt man die Realität der Utopie an, indem man Berichte über Fehlschläge zensiert.

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Gott

Meiner Ansicht nach ist Gott eine Funktion des Gehirns. So wie es dort ein Sprachzentrum gibt, das jedem Menschen die Fähigkeit zum Spracherwerb verleiht und zur kulturellen Erfindung unterschiedlicher Sprachen geführt hat, gibt es wohl auch eine Art Trostzentrum im Gehirn, welches dem erwachsenen Menschen die Geborgenheit der Kindheit bewahrt, indem es eine virtuelle Vaterfigur suggeriert, die wir Gott nennen.

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Weggenommene Arbeitsplätze?

Vor 60 Jahren arbeiteten auf einem Müllwagen sechs Deutsche, vor 40 Jahren vier Deutsche und zwei Gastarbeiter, heute ein Deutscher und ein Greifarm. Wer hat wem die Arbeitsplätze weggenommen? Die Migranten den Deutschen? Oder der Roboterarm den Menschen?

Der wahre Arbeitsplatzvernichter ist die Automatisierung, doch damit dies nicht auffällt, wiegelt man die gemeinsamen Opfer gegeneinander auf.

Dabei ist die Automatisierung an sich nichts Schlechtes:

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Verdummen wir?

Nein, der Eindruck täuscht. Nie zuvor war formale Bildung so weit verbreitet wie heute. Für meine Oma war es noch normal, mit 14 aus der Schule zu kommen, weiterführende Lehranstalten waren nur etwas für die Oberschicht. In meiner Familie war ich der erste Gymnasiast. Heute wechselt jeder zweite Schüler aufs Gymnasium.

Nie zuvor war auch das Wissen der Welt so zugänglich wie heute.

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Die echten Menschen und die im Internet

Das Nuf über Einsamkeit im Alter und Geselligkeit im Internet. Ich stimme ihr zu, denn das Internet ist kein Gegensatz zur dinglichen Welt, sondern ein zusätzlicher Interaktionsraum, der Menschen zusammenbringt und das Knüpfen und Aufrechterhalten von Kontakten erleichtert.

Diebstahl

Es gibt einen Spediteur, der billiger ist als die Konkurrenz. Er kann seine Mitbewerber deshalb unterbieten, weil er seine Lieferwagen nicht kauft, sondern stiehlt. Jeden Morgen müssen seine Angestellten fremde LKW und Transporter kurzschließen und sich mit den entwendeten Fahrzeugen auf Tour begeben. Die Polizei ermittelt bereits, da Produktionsmittel gestohlen werden.

Korrektur: Ich bin da einer Falschmeldung aufgesessen. In Wahrheit stiehlt die Firma keine Lieferwagen, sondern die Arbeitskraft ihrer Angestellten, indem sie Dumpinglöhne weit unter denen der Konkurrenz zahlt. Die Polizei ermittelt nicht, da nur Arbeitskraft gestohlen wird.

Steuern oder Schulden

Der Staat sind wir. Die Staatsausgaben sind unsere Gemeinschaftsausgaben. Es gibt zwei Wege, wie wir als Staat uns refinanzieren können:

  1. Wir leihen uns Geld von Bürgern und Unternehmen, wofür wir ihnen Zinsen zahlen.

  2. Wir nehmen unseren Bürgern und Unternehmen Geld weg, das nennt sich Steuern.

Durch den ersten Weg werden die Reichen reicher, weil sie von den Zinsen profitieren, während die Armen nichts zu verleihen haben, aber letztlich ebenso für die Staatsschulden aufkommen müssen.

Der zweite Weg kann gerecht gestaltet werden, indem man die Reichen sehr viel höher besteuert als die Armen, also die Progression verstärkt.

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Die Nivellierung der Welten

Meine Großeltern waren 1936 gerade frisch verheiratet, als sie nach Oldenburg fuhren, um Besorgungen zu tätigen. An einem Schaufenster hielt mein Opa plötzlich inne und blickte mit großen, glänzenden Augen in die Auslagen. Zum ersten Mal in seinem Leben sah er Spielsachen.

Sein Elternhaus stand nur zwanzig Kilometer entfernt, aber all die Jahre hatte er sein dörfliches Umfeld kaum verlassen. 27 musste er werden, um zu erfahren, dass man nicht nur mit Stöcken und Steinen spielen kann, sondern auch mit Bauklötzen und Blechautos. Sieben Jahre später starb er an der Ostfront für ein Vaterland, von dem er nur ein norddeutsches Dorf kannte.

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Blumenmeer

Blumenmeer

Ernst Schubert. Ein später Nachruf

Professor Ernst Schubert ist tot. Seit sechs Jahren schon, aber ich erfuhr es gerade erst von einem Buchdeckel in einem Antiquariat.

Seine Mittelaltervorlesungen waren immer gut besucht, selbst an Freitagen, denn niemand konnte so angenehm erzählen wie er, mit seiner tiefen sonoren Stimme und humorvollen Art. Er verstand es, den Alltag des Mittelalters lebhaft vor Augen zu führen, statt nur Zahlen und Quellen herunterzubeten.

Ich kann mich an nur eine Vorlesung erinnern, in der nicht gelacht wurde. Das war, als er vom Tod seines Kollegen Hartmut Boockmann erfahren hatte, uns bat, zu einer Gedenkminute aufzustehen, und am Rednerpult weinte.

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